10. April – Costa Verde

Die Nacht war ziemlich kalt. Irgendwo um 0 Grad. Macht keinen Spaß noch lang vor dem Zelt zu sitzen. Also zügig packen, noch einen Cappucino trinken und dann auf zur Erkundung der Gegend. Vom Campingplatz gehts erstmal Richtung Hotel, nicht etwa um dort einzukehren, sondern weil die Gegend einfach irre ist. Mitten im Sand ein paar vom Rost zerfressene Loren, im Hintergrund das Meer und zwischendrin das noble Hotel.

Danach geht es vom Meer Richtung Ingurtosu. Nach kurzem sieht man auf der linken Seite eine Bergwerksanlage, die als Weltkulturerbe eingetragen ist. Ein kleiner Spaziergang durch das Gebiet, soweit es zugänglich ist, bietet Photomotive in ungeahnter Zahl.

Etwas zerschossen und verrostet.

 

Eine der größten Dünenlandschaften Europas

 

Spuren im Sand

Loren im Sand und die alte Verladestation heute als modernes Hotel

 

Raubbau an der Natur unter Mussolini

Alte Industriearchitektur als Weltkulturerbe

 

Ehemaliger, teilweise noch zugänglicher Stollenzugang.

Das Besucherbergwerk von Monteveccio soll sehenswert sein. Ein Grund dort mal vorbeizuschauen. Von Ingurtosu führt laut Karte eine Straße dorthin. Am Abzweig angekommen, findet sich aber ein großes Sperrschild und der Hinweis, dass die Strasse abgerutscht ist und nicht befahren werden kann. Also fahre ich einen kleinen Umweg über die lohnenswerte Strecke von Ingurtosu nach Arbus und von dort weiter nach Monteveccio. Die dortige Anlage ist zwar gewaltig, ich finde sie persönlich aber nicht so interessant. Kurz danach stehe ich wieder vor der gesperrten Straße, diesmal aber auf der anderen Seite. Noch zögere ich, ob ich es nicht doch versuchen soll, da kommen fünf Trialfahrer vorbei und fordern mich auf mitzukommen. Die Strecke wäre toll und das würde ich auch schaffen. Toll ist die Strecke, Probleme hatte ich auch keine, aber mit den Trialkisten mitzuhalten war bei den ausgewaschenen und zum Teil abgerutschten Weg total unmöglich.

Wer sich für Industriekultur und Bergbau interessiert, ist hier genau richtig. Diese 15 Km sind interessanter als die meisten der offiziell ausgewiesenen Sehenswürdigkeiten. Ich hätte gut mehrere Tage hier verweilen können, aber ich hatte für morgen Abend die Fähre ab Olbia gebucht. Viel Zeit blieb mir also nicht und ich hatte noch verschiedene andere Strecken und Ziele auf meinem Plan.

 

 

 

 

Zurück in Ingurtosu stellt sich mir die Frage, ob ich jetzt eher schon Richtung Olbia fahre um morgen ohne Stress die Fähre zu erreichen, oder ob nicht doch noch eine Komplettumrundung der Insel möglich ist. Die Entscheidung für die Umrundung war die richtige Entscheidung. Also geht es nach kurzer Pause weiter. Die SS 126 ist herrlich ausgebaut und nach den Schotterpisten macht es richtig Spass mal wieder etwas zügiger unterwegs zu sein. Hinter Monte Cidro biege ich dann rechts ab Richtung Meer. Nach wenigen Kilometern versucht eine Ziegenherde die Straße zu überqueren. Ich muss stehenbleiben und nutze die Pause links in einen Weg einzubiegen um etwas die Gegend zu erkunden. Jetzt wird es interessant.

 

Die Schranke ist zu, ich komme nicht weiter. Gerade als ich umkehren will, kommt der Ziegenhirt mit seiner Vespa und redet auf mich ein. Dachte schon, ich hätte was verbotenes getan, in Wirklichkeit wollte er mir nur zeigen, dass er irgendwo zwischen den Steinen den Schlüssel für die Schranke versteckt hat und ich problemlos weiterfahren kann. Gesagt getan, aber nach 800 Metern habe ich aufgegeben. Allein muss man das Schicksal nicht herausfordern. Es wäre sicherlich kein große Problem gewesen weiterzufahren, aber hier hätte mir niemand helfen können, wenn die vollbeladene Maschine umgekippt wäre. Außerdem scheint es in GoogleMaps so, dass der Weg einfach ins Nichts führt. Wer die Stelle sucht, kann hier nachschauen ….. .

Ein paar Kilometer weiter gibt es hingegen einen Abzweig, über den man nach San Nicolao an der Küste kommt. Das stillgelegte Werk findet sich da, wo Santa Lucia steht. Der Weg ans Meer für offensichtlich an Piscina Suigas und Piscina Morta vorbei. Den Weg hab ich gesucht aber nicht gefunden. Es ist bestimmt ein interessantes Ziel für meinen nächsten Besuch.

Auf dem Weg zurück schaue ich mir die Industrieanlage etwas genauer an. Überall stehen LKW und es scheint, als wäre alles noch in Betrieb. Bei genauerem Hinsehen ist aber nichts mehr einsatzbereit. Der Betrieb wurde aufgegeben, ohne dass sich einer die Mühe gemacht hat die LKWs oder andere Geräte zu verkaufen oder zu verschrotten.

 

Nach diesem kurzen Abstecher geht es über die Hauptstraße ans Meer nach San Nicolao. Die Geländefahrer die sich in der Kneipe treffen, haben offensichtlich die richtige Strecke über die Berge gefunden. Ich versuche ich mich einfach auch einmal auf deren Strecken. Irgendwie muss es doch möglich sein, auf einem anderen Weg wieder auf die SS 126 zu kommen. Leider habe ich kein GPS mit geeignetem Kartenmaterial dabei und so bin ich auf „trial and error“ angewiesen.

 

Die Wege sind zwar etwas rauh, aber eigentlich gut zu fahren. Nur den in meinen Karten angedeuteten Weg zur SS 126 kann ich nicht finden. Langsam wird auch der Sprit knapp und so heißt es umkehren. Über den gleichen Weg den ich gekommen bin geht es zurück auf die SS 126 und auf dieser weiter nach Süden. Herrliche Kurven und ein optimaler Straßenbelag lassen Fahrfreude aufkommen. Zwischendurch ein völlig frei zugängliches Besucherbergwerk, die „Miniera su Zurfuru“. Absolut sehenswert sind die Maschinen, die sich im Innern befinden. Interessant deren Herkunft aus New York.

Wenn man schon einmal gefahren ist, möchte man auch die Highlights besuchen. Und zu diesen gehört ohne Zweifel die Grotta di San Giovanni.Durch diese Höhle führte einmal eine Straße, seit etlichen Jahren ist diese aber geschlossen. Heute gehört die Höhle den Fußgängern und den Tauben. Letztere machen im Eingangsbereich ein gewaltiges Spektakel und verursachen unglaublich viel Schmutz. Wer weiter in die Höhle hinein gehen möchte, braucht eine Taschenlampe, wenn er von dem Besuch etwas haben will. Die Höhle ist wirklich beeindruckend groß.

Steht man vor der Höhle, wirkt sie viel größer als auf den Bildern

 

In der Höhle finden sich immer wieder Tropfsteingebilde, wie hier dieser riesige, runde Stalagmit

Als ich aus der Höhle heraus komme, regnet es leicht. Nicht so stark, dass man sich Regenzeug anziehen müsste, aber auch nicht so, dass man noch eine gemütliche Pause irgendwo am Strand machen möchte. Außerdem ist es jetzt bereits später Nachmittag und irgendwie muss ich noch die Ostküste erreichen, wenn ich morgen nicht unter Zeitdruck geraten will.

Der Regen wird stärker, im Osten sieht es aber besser aus. Und so nehme ich die Schnellstraße bis Cagliari. Eigentlich ist das ein schöner Ort, aber es regnet noch immer und der Feierabendverkehr ist gewaltig. Also auch hier keine Pause sondern weiter nach Villasimius an der Süd-Ost-Spitze der Insel. An der Küstenstraße hört der Regen auf, die Straße wird trocken und die Kurven sind ein Genuss. Inzwischen macht sich das volle Programm des Tages allerdings bemerkbar. Ich wäre froh, endlich das Ziel für die Nacht zu erreichen und bei einer Pizza und einem Ichnusa auszuspannen.

Als ich Villasimius erreiche dann die große Enttäuschung. Das Städtchen, das ich im Sommer als Touristenhochburg mit Leben bis in den frühen Morgen erlebt habe, ist wie ausgestorben. Campingplatz geschlossen, alle Hotels geschlossen, keine offene Pizzerria weit und breit und auch kein Mensch auf der Straße. Inzwischen wird es auch schon dunkel. Was tun? Ich entscheide mich weiterzufahren. Irgendwo wird es doch an der Costa Rei ein Albergo geben oder zumindest eine Pizzeria. Oder wenigstens eine Tankstelle wo ich ein paar Vorräte kaufen kann. Zum Schlafen reicht mir ja das Zelt irgendwo am Strand.

Es ist zum Verzweifeln. Nichts, aber auch rein gar nichts, wo man etwas essen oder wenigstens etwas einkaufen könnte. Sogar die Tankstellen sind geschlossen. Bei Regen und einer total dunklen Nacht fahre ich immer weiter nach Norden. Es wird kalt, die Handschuhe sind feucht, die Heizgriffe zeigen kaum Wirkung. Erst in Muravera kommt die Erlösung, endlich ein offenes Albergo.  Es wirkt wie ein Überbleibsel der 60-ziger Jahre. Jetzt ist mir auch der Preis egal, der mir recht überzogen vorkommt.

Umso schöner dann der Rest des Abends. Es ist ein Familienbetrieb, jeder kommt vorbei und redet mit einem, meist interessieren sich die Männer für die Cavalli der Macchina. Viele Einheimischen lassen sich eine Pizza zum Mitnehmen bereiten. Und in dieser kurzen Zeit scheinen sie alle Neuigkeiten der gesamten Insel loswerden zu wollen. Die Pizzen hier müssen bekannt sein und auch ich esse die wohl beste Pizza des gesamten Urlaubs.

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