9. Juli Der erste Tag in Rumänien

Man sieht sie bei uns ja eher selten: Störche. Daher waren wir ganz erstaunt, schon wenige Kilometer hinter der Großstadt Oradea die ersten zu sehen. Mittlerweile sind wir wieder zu Hause und können feststellen, dass Rumänien auf dieser Tour das Land mit den weitaus meisten Störchen war. Wir haben hunderte gesehen.

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Und es gibt noch etliches andere, das uns erstaunt. Da ist zum einen der in vielen Blogs beschriebene, angeblich so chaotische Verkehr den wir aber nirgends bemerken. Weder in der Stadt noch auf dem flachen Land. Eigentlich geht es eher gesittet zu. Zum anderen sind es die auf den ersten Blick oftmals gut ausgebauten Straßen. Um etwas „Abenteuer“ zu erleben, biegen wir direkt hinter Oradea auf eine der eher kleinen Landstraßen Richtung Tinca ab. Ein bisschen Enttäuschung kommt auf, als diese mindestens so gut geteert ist wie der Nürburgring. Doch dann kommt eine unübersichtliche Kurve und dahinter die Überraschung: Die Straße ist von einem Meter auf den anderen voll mit großen und tiefen Schlaglöchern. Es rumpelt ganz schön bis es mir gelingt zu bremsen, aber die Sertao ist total gutmütig und steckt solche Überraschungen viel besser weg als ich gedacht hatte. Diese plötzlichen und nicht angekündigten Schäden werden uns den ganzen Weg durch Rumänien begleiten. Dabei werden die Löcher tiefer oder enden gar in einer Baugrube. Wir müssen immer auf alles gefasst und bremsbereit sein. Zuerst einmal haben wir aber hinter Tinca eine lange Schotterstrecke zum Üben. Als wir endlich wieder die geteerte Hauptstraße erreichen, fahren wir schon deutlich zügiger als zu Anfang.

Und noch etwas fällt sofort auf den ersten Kilometern auf. Die Menschen hier sind unglaublich freundlich und winken einem alle zu. Und das bleibt so auf dem ganzen Weg durch Rumänien.

Ansonsten gibt es über diese ersten Kilometer der heutigen Etappe wenig zu berichten. Die Regenwolken sind seit gestern Abend noch nicht völlig abgezogen und immer wieder rechnen wir jeden Augenblick mit einem Schauer. Bis auf gelegentliche Tropfen bleiben wir aber zunächst davon verschont. Die Landschaft ist nicht mehr so flach wie gestern in Umgarn, aber die hohen Berge der Karpaten sind auch noch nicht in Sicht. Wohltuend unterscheiden sich die kleinen Äcker und Wiesen mit den vielen Baumreihen von den riesigen Getreidefelder im nur wenige Kilometer entfernten Ungarn.

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Kurz hinter Petrileni biegen wir auf die 75 ins Bergland ab. Mit dem Verlassen der fruchtbaren Ebene lässt der Ackerbau nach und wir kommen allmählich in ein Gebiet mit Weideflächen und Wäldern. Irgendwann sind wir dann in den Bergen. Die Straße ist herrlich kurvig und trotz der Risiken, die hinter jeder Kurve lauern, können wir nach der langen Anfahrt endlich wieder einmal Schräglagen genießen.

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Irgendwann erreichen ein Skigebiet bei dem kleinen Ort Vartop. Die gleichen Erscheinungen wie andernorts: Moderne Hotelklötze, die im Sommer leer stehen, Schneisen im Bergwald und planierte Hänge. Noch ist es verglichen mit den Alpen eher harmlos, aber es ist nicht schwer vorherzusagen, wie die Entwicklung in den nächsten Jahren verlaufen wird. Wir sind aber ganz dankbar dafür, dass eines der Hotels geöffnet hat, denn plötzlich gießt es wie aus Kübeln. Wir finden gerade noch Zeit die mit einer rustikalen Holzkonstruktion geschützte Terasse zu erreichen.

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Das Skigebiet wirkt noch eher beschaulich.

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Optimal versorgt lässt sich so ein Gewitter gut überstehen. Aber Minute um Minute wird es kühler und irgendwann müssen wir in die Gaststube umziehen. Insgesamt dauert es eine Ewigkeit bis der Regen soweit nachgelassen hat, dass wir weiterfahren können. Aber endlich einmal haben wir unsere gewohnte Unterhaltung. WiFi war hier und wie wir später feststellten, überall in Rumänien vollkommen offen.

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Dieses Windrad hat auch schon bessere Zeiten gesehen.

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Leider regnet es immer noch leicht und wir haben wieder einmal viel Zeit verloren. Daher beschließen wir den eigentlich für heute Nachmittag geplanten Programmpunkt, die Scarisoara Höhle fallen zu lassen. Es handelt sich um eine der mächtigsten Eishöhlen Europas. Im Nachhinein eigentlich schade, so etwas nicht gesehen zu haben. Aber das Regenradar, das wir während unserer Zwangspause im Internet gesehen haben, verheißt nichts gutes. Morgen soll es hier in den Bergen weiter regnen und da macht es Sinn, die kurze Regenpause zu nutzen um weiter nach Süden in trockenere Gebiete zu kommen.

Bei der Weiterfahrt fallen mir erstmals die Kirchen auf. Hier in diesem Gebiet sind es auffallende und recht aufwändige Bauwerke. Nur 50 Kilometer weiter dann ein ganz anderer Kirchenstil: Die Wehrkirchen, die zum Schutz der Dorfbewohner eine Doppelfunktion als Burg und Kirche hatten.

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Die kleine alte Dampflock steht irgendwo am Straßenrand. Gut gepflegt ist sie ja, aber niemand beachtet sie. Bei uns wäre es eine Attraktion. Allerdings steht sie wohl noch nicht allzu lange da. Bei Google StreetView ist sie jedenfalls noch nicht zu sehen.

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Eigentlich hab ich das Photo ja gemacht, weil die Heuvorräte so nett aussahen. Inzwischen finde ich aber die vielen, quer durch’s Bild gehenden Kabel viel interessanter. Man findet sie wirklich überall und in größter Zahl.

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LKWs und moderne PKWs einerseits, Pferdefuhrwerke andererseits. Ein typisches Bild quer durch das ganze Land. Mit den Pferdefuhrwerken geht es mit wie mit den Störchen: So viele wie hier in Rumänien habe ich mein ganzes Leben noch nicht gesehen.

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Der Abzweig bei Zlatna auf eine kleinere Nebenstraße (705) ist erlebnisreich. Nicht nur die schöne Landschaft und die bunten Häuser sind das Highlight, sondern vor allem die Straße. Was hier mitten im Dorf ganz gut aussieht, ist an anderen Stellen halb abgerutscht oder einfach voll mit riesigen Schlaglöchern. Das ist eher Off- als Onroad.

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Nebel, Wolken und Abendlicht geben ein herrliches Bergpanorama. Obwohl die Berge hier beachtliche Höhen erreichen, wirkt alles weniger schroff als bei uns in den Alpen.

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Wen hat es hier wohl erwischt und warum? Naja, jedenfalls sind die Karpaten Bärengebiet und wir haben keine Lust hier im Freien zu übernachten. Daher nutzen wir die letzten Sonnenstrahlen um wieder bewohntes Gebiet zu erreichen. Als die Sonne schon untergeht, erreichen wir Sebes, das alte Mühlbach am Beginn der Transalpina, die wir morgen in Angriff nehmen wollen.

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