16. Juli Istanbul, ein faszinierend geregeltes Chaos

Kommt man das erste Mal nach Istanbul, denkt man sofort: Das kann doch gar nicht gehen. Dieser Gedanke betrifft wirklich alles. Den Verkehr, das Sprachgewirr, den Großen Basar, …. Aber es geht, und das gar nicht mal so schlecht.

Der Verkehr: Eigentlich unbeschreiblich, alles bewegt sich, oft auch in beliebige Richtungen. Auf der Stadtautobahn wurde ein Rollstuhlfahrer quer über die Fahrbahn geschoben, die Autos wichen einfach aus. Oder die ganzen Backwarenverkäufer, die auf dem Nachhauseweg die gleiche dreispurige Stadtautobahn als die ideale Verbindung betrachteten und ihre Handkarren entgegen der Fahrtrichtung schoben. Einem Motorradfahrer eine ganze Spur zu lassen, wird als Verschwendung betrachtet. Da passt locker noch ein Auto daneben. Man kann nur aktiv mitmachen und sich ebenfalls nehmen, was man bekommen kann. Jedenfalls besser als zu denken, das deutsche Nummernschild oder das viele Gepäck würden die Autofahrer auf Distanz halten.

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Wie Preise entstehen: Gestern Abend, als wir in ein kleines Hotel gingen, bot uns der Besitzer zwei Zimmer für einen aus unserer Sicht zu hohen Preis an. Was anderes könne er nicht machen, die Preise seien Standard. Daraufhin gingen wir wieder, aber kaum wollten wir auf die Motorräder steigen, kam er wieder an und meinte, es wäre ihm gerade eingefallen, dass er ja auch noch ein kleines Apartement mit zwei Zimmern habe. Erstaunlicherweise zu genau dem Preis, den wir uns vorgestellt haben. Bei insgesamt 14 Zimmern eine erstaunliche Schusseligkeit im ersten Gespräch.

Mitbewerb: Wie können 100 Schmuckgeschäfte in einem Gang des Großen Bazar nebeneinander existieren? Ich weiss es nicht, aber es scheint zu gehen. Alle das gleiche Angebot, alle sitzen gemeinsam vor ihren Geschäften, alle reden einen in genau der richtigen Sprache an und alle scheinen genug zu bekommen um ihre Waren zu finanzieren und dann auch noch davon zu leben. Das gleiche lässt sich auf alle anderen Güter übertragen.

Überleben: Immer wieder sieht man Leute die betteln. Auch viele Kindern. Zwar bei weitem nicht mehr so viele wie vor 20 Jahren, aber immer noch jede Menge. Aber genauso oft sieht man Leute, die in die Tasche greifen und ihnen eine Münze geben. Ich habe zwei bettelnde Kinder beobachtet, die ihre Einnahmen verglichen. Lauter 1-Lira Münzen, jedes Kind bestimmt 10 Stück davon. Oder der alte Mann, der einen am Eingang der Hagia Sophia anspricht und seine Dienste als Führer anbietet „viel besser als Audioguide“ nuschelt er kaum verständlich und man ist erstaunt, dass ihn dann doch jemand nimmt.

Soweit ein paar Eindrücke. Den Rest muss man selbst erlebt haben. Es soll aber nicht der Eindruck entstehen, dass Istanbul eine orientalische Stadt ist. Ganz im Gegenteil, sie ist europäischer und viel moderner als das, was wir in Rumänien oder Bulgarien gesehen haben. Es ist einfach die unglaubliche Art und Weise, wie sich mehr als 14 Millionen Menschen selbst organisieren, die einem immer wieder ins Auge sticht und begeistert.

Der Morgen beginnt damit, dass ich erst einmal erkunde, wo wir gestern abend gelandet sind. Die ganze Nacht über wurde an den Hafeneirichtungen gebaut, eine Pause gibt es nicht. An unserem Hotel beeindruckt die Feuerfluchttreppe. Zusammengeschweißt aus Baustahl, Flacheisen, Blechen, Rohren. Halt alles, was gerade mal so verfügbar war. Zu kurze Moniereisen wurden einfach verlängert und wo etwas zu lang war, blieb es einfach stehen. Fühlt sich aber insgesamt recht stabil an.

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Unser Hotel liegt direkt unterhalb der historischen Städten. Ich werde jetzt hier keinen Reiseführer schreiben, daher nur einfach ein paar Bilder:

Den riesigen Obelisken haben wohl schon die Römer aus Ägypten hierher transportiert

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Die Hagia Sophia von außen und innen

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Inzwischen ist meine Frau mit dem Flugzeug angekommen und wird uns die nächsten Tage begleiten.

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Im großen Basar

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Die alten Bosporus Schiffe wirken winzig gegenüber den modernen Kreuzfahrt-Ungetümen

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Die Straßenbahn zum Taksim Platz ist eine Attraktion. Nicht nur optisch, sondern auch wie selbstverständlich sie zwischen den Fußgängern fährt. Verkehrstechnisch hat sie sicherlich nur noch geringe Bedeutung, aber sie ist ein Symbol für den damaligen Aufbruch der Türkei.

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Am Abend geht es weiter. Mit der Fähre nach Bandirma. Wir sind nicht die einzigen Motorradfahrer. Auch ein paar Istanbuler gönnen sich ein paar Tage am Meer. Insgesamt aber gibt es nur wenige Motorräder in der Stadt. Auf einem pfeilschnellen Katamaran ist die Strecke von ca. 100 Km in gut zwei Stunden geschafft und wir freuen uns auf die morgige Tour nach Canakkale und Troja

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