9 Tage, 3.500 Km durch Europa

Mitten im Wahlkampf habe ich eine Woche
Urlaub gemacht und bin mit dem Motorrad in Frankreich, Spanien und der
Schweiz gewesen. Begleitet wurde ich von meinem 18-jährigem Sohn auf
seinem eigenen Motorrad (früher meiner 35 Jahre alten 80/7 mit 450.000 Km). Die gesamte Tour ging über Landstraßen um Land
und Leuten zu sehen und meinem Sohn auch das Gefühl für die Vielfalt und
doch gleichzeitig Zusammengehörigkeit Europas zu geben. Und jetzt frage
ich mich, ob ich daraus einen politischen oder einen reinen
Motorradbeitrag machen soll. Denn trotz Urlaub und Hobby sieht man im
Wahlkampf vieles mit anderen Augen. Ich will mal versuchen, beides
miteinander zu kombinieren.

Los ging es am Samstag den 3. August
gegen 17:00. Vorher noch auf dem Infostand der Piratenpartei beim Bonner
CSD und bei der Podiumsdiskussion mitgemacht, dann schnell gepackt und
über Prüm und Bitburg bis kurz vor Metz gefahren. Spannend ist immer
wieder das Dreiländereck Deutschland – Luxemburg – Frankreich. Wem ist
schon bewusst, dass hier ein kleines Örtchen mit dem Namen Schengen
liegt, das Europageschichte geschrieben hat. Dank des Schengener Abkommens
können wir uns heute innerhalb Europas frei und ohne Grenzkontrollen
bewegen. Und in Prüm wurde der kaum bekannte, später oft als “Schengen
III” bezeichnete Prümer Vertrag
unterzeichnet, der die Zusammenarbeit bei Terrorismus bzw. Kriminalität
regelt und hinsichtlich des Datenschutzes durchaus kritisch zu
betrachten ist.

So unsichtbar die politischen Grenzen in
dieser Gegend sind, so stark sind die kulturellen Unterschiede. Schaut
man aus Deutschland über die Mosel nach Luxemburg, blickt man in eine
andere Welt. Und erst recht fühlt man sich im Ausland, wenn man in Perl
die Grenze nach Frankreich überquert hat. Das macht Europa so reizvoll.

Auf dem weiteren Weg nach Metz sieht man
sich mit der Deutsch-Französischen Geschichte konfrontiert. Verdun,
Kriegsgräberstätten, ….. Alles erinnert daran, dass hier im letzten
Jahrhundert unvorstellbare Schlachten getobt haben. Aber auch die
aktuelle Politik zeigt sich: In Form des kolossalen Kernkraftwerks
Cattenom. Hier Deutschland mit dem Ausstieg aus der Atomenergie, dort
Frankreich das weiterhin auf diese Technik setzt. Ganz schön mulmig der
Gedanke, dass es nicht gelingt, eine einheitliche europäische
Energiepolitik ohne Risiken für Mensch und Umwelt zu definieren.

Nach einem kurzen Besuch der alten und beeindruckenden Stadt Metz geht
es durch riesige Getreidefelder weiter nach Süden. Im Navi sind die
Optionen “Motorrad” und “schön” eingestellt. Und das stimmt
hervorragend. Über kleine Straßen mit tausenden von Kurven geht es
vorbei an alten Mühlen und Gutshöfen oder durch gepflegte Dörfer bis an
die Saône kurz vor Lyon. Die gepflegten Dörfer fallen auf. Noch vor 15
Jahren hat man auf dem flachen Land jede Menge verlassene Häuser “à
vendre” gesehen. Heute sind die meisten davon wieder hergerichtet und
sehr schön gemacht. Die ländlichen Gebiete haben in Frankreich in den
letzen Jahren offensichtlich eine positive Entwicklung erlebt. Der Campingplatz direkt an der Saône repräsentiert das alte Frankreich,
das ich von meinen ersten Besuchen in den 70-ziger Jahren kenne. Eine
Wiese, ein paar alte Sanitäranlagen, eine Bar mit Plastikstühlen in die
auch die Einheimischen zu Besuch kommen und wo jeder mit jedem plaudert.
Nichts besonderes halt, vielleicht ein bisschen schmuddelig, aber voll
von Leben.


Weizen- und Sojafelder soweit das Auge schaut.


Die Landschaft am Oberlauf der Maas ist lieblich, die Orte sind durchweg nett hergerichtet


Der Eisenbahnviadukt bei Chaumont ist nicht nur interessant, sondern in seiner perfekten Gleichmäßigkeit richtig schön


Da hab ich wohl was verschluckt ??


Etwas kitschig, aber immer wieder schön: Die alten Karussels, die sich in vielen französischen Städten finden

Von Lyon geht es über Le-Puy-en-Velay durchs Bergland in die Cevennen.
Eine urweltliche Landschaft mit tiefen Schluchten begleitet uns.
Auffällig, wie dünn besiedelt weite Bereiche Frankreichs sind. Herrliche
Strecken zum Motorradfahren. Aber das geplante Ziel am Mittelmeer
erreichen wir nicht. Kurz vor Millau suchen wir einen Campingplatz um
die Zelte vor dem aufziehenden Gewitter aufgebaut zu haben. In Millau
sind wir dann begeistert von der erst vor neun Jahren fertiggestellten Autobahnbrücke über das Tarntal.
 Mit fast 2,5 Km ist sie die längste Schrägseilbrücke Europas. Die
Pfeiler sind bis zu 343 Meter hoch. Einfach gigantisch. Interessant auch
die Finanzierung. Die Kosten von 400 Mio. Euro wurden von einer
privaten Firma getragen, die im Gegenzug die Mautkonzession für 75 Jahre
erhielt. Danach geht die Brücke in den Besitz des französischen Staates
über.


Auf der Höhe von Lyon wird es plötzlich südlich. Eigentlich unterscheidet sich diese Gegend schon kaum noch von der Provence oder von der Toskana in Italien


Le Puy ist aus vielen Gründen eine schöne Stadt. Ganz gleich, ob es die imposante Lage der Kirche auf einem Felsen ist oder die hübsche Altstadt. Eine Pause hier hat viel zu bieten

Am nächsten Morgen weiter ans Mittelmeer. Verkehrspolitisch mögen die
vielen Kreisel auf den Landstraßen ja richtig sein, aber das ständige
Bremsen und Beschleunigen nervt doch ziemlich. Zumindest wenn man
weiterkommen möchte. So werden wir unser heutiges Ziel, nämlich Calella
in Spanien erst am Abend erreichen. Hinter Banyuls-sur-Mer kommt dann
die nächste europäische Grenze. Auch hier natürlich freie Fahrt, aber
man merkt sofort einen Unterschied: Die Preise an der ersten Tankstelle
direkt hinter der Grenze sind deutlich niedriger als in Frankreich. Und
das gilt auch für Essen und Getränke. Ein Indiz für die wirtschaftlichen
Probleme Spaniens? Ich kann es nicht beurteilen, auffällig ist aber,
dass sich dieser Eindruck in den nächsten beiden Tagen aus tausenderlei
Gründen verstärkt. So sieht man im Hinterland viele Gewerbebauten, die
nicht mehr genutzt oder zumindest nicht mehr gepflegt werden. Eigentlich
gar nichts neues, aber wenn man an die hohe Jugendarbeitslosigkeit in Spanien von über 40% denkt, verknüpft man das fast automatisch mit den selbst gemachten Beobachtungen.


Alte und neue Technik nebeneinander. Ich weiß nicht, was mir optisch besser gefällt. Beide sind toll, aber die Speichenräder und das schlichte Aussehen der 80/7 haben schon was!

In Calella bleibt mein Sohn für zwei Tage bei Freunden, ich fahre am
nächsten Morgen weiter nach Barcelona. In beiden Orten nichts von einer
Krise zu spüren. Hier der deutsche Massentourismus dem die eigene
Identität geopfert wird, aber der Geld ins Land bringt. Dort eine
Weltstadt mit internationalem Publikum, das auf der Rambla promeniert
und aus dieser Perspektive gar nicht wahrnimmt, wie gänzlich anders sich
die Vororte und die umliegenden Kleinstädte darstellen. 

Eine Woche geht schnell vorbei und kaum im Süden angekommen, müssen wir
uns schon wieder auf den Heimweg machen. Immer an der Küste entlang geht
es in die Camarque. Hier scheint die Zeit stehen geblieben zu sein.
Rosa Flamingos stehen auf einem Bein in den Feuchtgebieten, riesige
Salzberge türmen sich neben den Salinen von Aigues-Mortes. Eigentlich
die richtige Gegend um einmal ein paar Tage auszuspannen. Aber die Zeit
drängt, die abendliche Mückenplage beginnt zu erwachen und so geht es
weiter bis Avignon.


Zurück aus Spanien wirkt Frankreich angenehm aufgeräumt. Auf den typischen Platanen-Plätzen fühlt man sich sofort wohl


Die Kitesurfer haben auf den Etangs idealen Wind und werden sauschnell. Erstaunlich, dass sie kreuz und quer herumfahren ohne dass sich ihre Kabel verwickeln


Aigues-Mortes ist eine schöne Stadt in der Camarque. Aber noch beeindruckender sind die großen Salinen kurz vor der Stadt. Sehenswert!


Die Camarque ist monoton. Aber gerade das macht sie so reizvoll. Dazu das Licht, das die ganze Landschaft weich erscheinen läßt. Ich komme immer wieder gerne hierhin.

Avignon: Immer wieder beeindruckend den gewaltigen Papstpalast im warmen
Licht der untergehenden Sonne zu sehen. Kaum zu glauben, dass auch
hinter diesem Palast europäische Geschichte und europäische Politik
steckt. Nachdem Frankreich im frühen 14. Jahrhundert zur führenden
europäischen Macht aufgestiegen war, kamen in der Folge auch viele
Päpste von dort. Und die lebten halt lieber in Avignon als in Rom. Aber
auch nachdem der Papst ab 1377 wieder in Rom war, kam keine Ruhe auf. Es
kam dazu, dass es zwei Päpste gab. Der für Frankreich, England und
Spanien saß in Avignon, der für das Reich und Ungarn saß in Rom.
Europapolitik vor 700 Jahren. Wer sich nicht so für Geschichte
interessiert: Avignon ist einfach auch so eine tolle Stadt. Ein Besuch
lohnt sich immer. Kann man gut verstehen, dass einige Päpste nicht in
der Riesenstadt Rom sein wollten.


Ein K75 Umbau in Avignon. Toller Klang, scharfes Aussehen. Was man aus so einem harmlosen Maschinchen machen kann! Ein ganz tolles Beispiel für ähnliche Umbauten findet sich hier: http://www.sovietsteeds.com/forums/viewtopic.php?f=10&t=25563

Samstag morgens ging es weiter von Avignon über Gap nach Genf. Im ersten
Teil Provence vom Feinsten, danach geht es in die Hochlagen der Alpen.
Die “Route Napoleon
führt uns durch dichten Verkehr nach Grenoble. Der dortige Aufruhr von
1788 war einer der Vorläufer der Französischen Revolution, die letztlich
Napoleon hervorbrachte, der die Grundzüge der heutigen politischen
Landkarte Europas legte. Die “Route Napoleon
war die Strecke, die er nach seiner ersten Abdankung aus seinem Exil in
Elba auf dem Weg nach Paris zur erneuten Machtergreifung nahm. Erst der
Sieg in Waterloo beendete endgültig die napoleonische Zeit und führte
zur Gründung der heute bekannten europäischen Nationalstaaten. Heute
marschiert auf der Route Napoleon kein Heer mehr nach Norden, sondern
ein Heer von Touristen versucht in den Süden zu kommen. Ungläubig sahen
wir auf der Gegenspur einen mehr als 50 Km langen Stau.

Kurz vor Genf suchten wir uns den letzten Campingplatz dieser Reise. Die
letzten Tage waren durch den starken Urlaubsverkehr sehr anstrengend
gewesen und so entschlossen wir uns, entgegen unserer ursprünglichen
Planung doch die Autobahn von Genf über Bern, Basel, Karlsruhe nach Bonn
zu nehmen. In der Schweiz dann noch ein politisches Kuriosum. An der
Autobahn ein Riesenplakat “Bratwurst legalisieren – am 22. September ja zum Arbeitsgesetz“.
Berauschen sich die Schweizer an Bratwurst? Das Internet brachte die
Aufklärung: Eine veraltete Gesetzgebung erlaubt in Tankstellenshops
nachts zwar den Verkauf von Cervelatwurst, nicht jedoch den von
Bratwurst. 
Auch wir in Deutschland müssen
am 22. September darüber entscheiden, ob wir weiter solche
Bratwurstgesetze wollen oder ob wir mutige Schritte in Richtung einer
neuen Politik gehen. Als Pirat hat mich dieses Schweizer Plakat in
meiner Meinung bekräftigt, dass wir neue Lösungen brauchen und nicht das
Herumschrauben an veralteten Regelungen.

Am Sonntag Abend waren wir nach 9 Tagen und 3.500 Km quer durch Europa
wieder zuhause. Als überzeugter Europäer habe ich mich darüber gefreut,
wie selbstverständlich das Reisen und die menschliche Begegnung in
Europa geworden ist. Dazu trägt die gemeinsame Währung genauso bei, wie
die Vernetzung über das Internet oder der Trend der europäischen
Jugend den Studienort europaweit zu wählen. Ich habe mich wieder einmal
gefreut, dass sich Europa, langsam zwar und mit vielen Problemen, zu
einer Einheit mit großer kultureller Vielfalt entwickelt. Wenn jetzt
europafeindliche zur Bundestagswahl zugelassene Parteien mit
populistischen Parolen um Stimmen heischen, sehe ich das mit Entsetzen
und hoffe, dass die Mehrheit der Deutschen genauso denkt wie ich.

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